Der Wolf im Kaschmirmantel kauft - und wir tun es auch: LVMH
Die Sehnsucht nach Luxus stirbt nicht aus. Mit über 75 weltbekannten Marken - von Louis Vuitton über Dior bis Tiffany - setzen wir nicht auf ein Pferd, sondern auf ein Unternehmen, welches den Markt für Luxusgüter definiert. Warum wir die LVMH so interessant finden, erfahrt Ihr in unserem neuesten Monthly unseres Newsletters.
MONTHLY
Dieser Artikel ist keine Kaufempfehlung und keine Anlageberatung.


Abbildung 1: Die fünf Sparten von LVMH, Geschäftsjahr 2025; Quelle: LVMH Document d’enregistrement universel 2025
Während die Börse den Luxus abschreibt, kauft der Mann nach, der Luxus am besten kennt. Die Aktie der LVMH Moët Hennessy Louis Vuitton SE hat seit ihrem Allzeithoch im Jahr 2023 mehr als die Hälfte ihres Werts verloren. Bernard Arnault hat genau in dieser Schwäche aufgestockt und seit Februar 2026 gehört Ihm erstmals mehr als die Hälfte des Konzerns.
Der Grund für seine Zuversicht: LVMH ist der grösste Luxusgüterkonzern der Welt – über 75 Marken von Louis Vuitton über Dior bis Tiffany, rund 6.280 Stores und EUR 80,8 Mrd. Umsatz. Selbst im Abschwung nach dem Boom der Jahre 2021–2023 verdient der Konzern 22 Cent operativen Gewinn auf jeden Euro Umsatz und erwirtschaftet 2025 über EUR 14 Mrd. freien Cashflow. Die Familie kauft Qualität zum Ausverkaufspreis – und wir können es ihr gleichtun, heute sogar deutlich günstiger.
75 weltbekannte Marken – mit LVMH investieren wir in Luxus, nicht in einen Trend!
Warum schreibe ich zu LVMH? LVMH ist der Massstab der Luxusindustrie: ein Portfolio von Marken, die über Generationen gewachsen sind und sich mit keinem Budget der Welt nachbauen lassen, eine operative Marge von 22% selbst im Abschwung, über EUR 14 Mrd. freier Cashflow und eine Eigentümerfamilie, die ihr Vermögen in das eigene Unternehmen steckt. Die aktuelle Schwächephase - rückläufige Gewinne seit 2023, Sorgen um China und um die Nachfolge - hat die Bewertung auf ein KGV von rund 18x gedrückt, deutlich unter den vergangenen Jahren. Für langfristig orientierte Anleger sehe ich einen Weltmarktführer mit Substanz zu einem Preis, in dem bereits viel Skepsis steckt.
Das Produkt: Begehrlichkeit in fünf Sparten
LVMH verkauft Dinge, die niemand braucht – und die sich Millionen Menschen wünschen. Das Geschäftsmodell ist dabei nüchterner, als es die Schaufenster vermuten lassen: Die Marken entwerfen ihre Produkte selbst, fertigen einen grossen Teil in eigenen Ateliers, Weinbergen und Manufakturen und verkaufen sie vor allem über eigene Geschäfte. Der Konzern stellt Kapital, Toplagen, Einkaufsmacht und Talente - die Marken behalten ihre kreative Freiheit.
Arnault hat dieses Prinzip schon 2001 im Harvard Business Review beschrieben: Künstler und Designer sollen völlig frei von kommerziellen Zwängen arbeiten – sobald die Kreation aber in die Fertigung geht, herrscht strikte Disziplin. Kreatives Chaos im Atelier, industrielle Präzision im Werk


Abbildung 3: Wettbewerbsvergleich; Quellen: aktuellste Geschäftsberichte der jeweiligen Unternehmen
Vier Marken zeigen, wovon konkret die Rede ist:
Louis Vuitton – der Koffer, der sich stapeln liess. 1854 eröffnet der Koffermacher Louis Vuitton sein Geschäft in Paris. Seine Innovation: ein flacher, wasserdichter Reisekoffer, während die Konkurrenz gewölbte Deckel baute, damit Regenwasser abläuft – und die sich deshalb nicht stapeln liessen. Der Erfolg rief früh Kopisten auf den Plan. Die Familie antwortete mit gestreiftem Canvas (1876), dem Damier-Muster (1888), einem nicht knackbaren Schloss (1886) und schliesslich 1896 mit dem LV-Monogramm – ausdrücklich als Schutz gegen Fälschungen. Die Ironie der Geschichte: Es wurde zu einem der meistkopierten Muster der Modewelt. Heute ist Louis Vuitton der mit Abstand grösste Gewinnbringer des Konzerns.
Christian Dior – vom Konkursfall zur Wachstumslokomotive. 1946 gegründet, finanziert vom Textilmagnaten Marcel Boussac – genau jenem Konzern, den Arnault 1984 übernahm. Im ersten Halbjahr 2026 nannte Arnault die ersten Kollektionen des neuen Kreativdirektors Jonathan Anderson ausdrücklich als Treiber der Wachstumsbeschleunigung.
Moët Hennessy – 280 Jahre Vorsprung. Moët & Chandon wurde 1743 in Épernay gegründet, Hennessy 1765 von Richard Hennessy, einem irischen Offizier im Dienst Ludwigs XV. Schon 1860 trug jeder vierte weltweit verkaufte Cognac das Hennessy-Etikett. Bis heute trifft sich jeden Morgen um 11 Uhr ein Verkostungskomitee, um die Qualität der Eaux-de-vie zu prüfen – ein Ritual, das kein Wettbewerber mit Geld kaufen kann.
Tiffany & Co. – der jüngste Stern. 2021 für USD 15,8 Mrd. übernommen, hat LVMH die New Yorker Juwelierikone neu positioniert: Die Marge der Sparte Uhren & Schmuck stieg von rund 9% (2020) auf 14,4% (2025). Im zweiten Quartal 2026 wuchs die Sparte um 11% – deutlich schneller als der Konzern
Was das für uns als Investoren bedeutet: Wir kaufen mit LVMH keine Einzelmarke, sondern ein Portfolio von Ikonen über fünf Sparten und alle Weltregionen. Das Herzstück ist Mode & Lederwaren: 74% des operativen Ergebnisses bei 35% Marge. Entscheidend für uns: Diese Marge ist seit 2015 von 28% auf 35% gestiegen - über einen vollen Zyklus inklusive Pandemie. Das ist gelebte Preissetzungsmacht. Und das ganz ohne Klumpenrisiko.
Die Geschichte: 280 Jahre Handwerk, 40 Jahre Arnault
LVMH ist als Konzern jung, seine Marken sind es nicht. Die Gruppe entstand 1987 aus der Fusion von Moët Hennessy und Louis Vuitton – zwei Familienunternehmen, die sich gegen feindliche Übernahmen wappnen wollten. Ausgerechnet der Mann, den Louis-Vuitton-Chef Henry Racamier als Verbündeten ins Haus holte, sollte das Unternehmen zwei Jahre später übernehmen.


Bernard Arnault: vom Bauunternehmer zum „Wolf im Kaschmirmantel“
Bernard Arnault wurde 1949 in Roubaix geboren, studierte an der École polytechnique – Frankreichs Elite-Ingenieursschule – und trat 1971 in das Bauunternehmen seines Vaters, Ferret-Savinel, ein. Von 1978 bis 1984 führte er es als Präsident und überzeugte den Vater, das Industriebau-Geschäft zu verkaufen und sich auf Immobilienentwicklung zu konzentrieren. Die frühen 1980er-Jahre verbrachte er in den USA.
1984 erfuhr er, dass die französische Regierung einen Käufer für den insolventen Textilkonzern Boussac Saint-Frères suchte – Windeln, Stoffe, Warenhäuser und ein Juwel darin: Christian Dior. Mit rund USD 15 Mio. Familiengeld und Rückendeckung der Investmentbank Lazard Frères griff er zu. Was folgte, war eine radikale Sanierung: Arnault verkaufte und restrukturierte fast alles, behielt aber Dior und das Pariser Warenhaus Le Bon Marché. Die Pariser Presse verpasste ihm dafür den Spitznamen „Terminator“.
Der nächste Coup folgte wenige Jahre später. Als Verbündeter von Henry Racamier in den Machtkampf um die frisch fusionierte LVMH gerufen, kaufte Arnault konsequent Aktien zu. Im Januar 1989 hielt er 43,5% des Kapitals und 35% der Stimmrechte – und übernahm die Führung. Seither heisst er in Frankreich „le loup en cachemire“, der Wolf im Kaschmirmantel.
„Ein Star-Brand ist zeitlos, modern, schnell wachsend und hochprofitabel. Dieses Paradox zu meistern, ist sehr schwierig und selten – zum Glück.“ - Bernard Arnault, Harvard Business Review, Oktober 2001 (sinngemäss übersetzt)
Skin in the game: Nachkaufen, wenn andere verkaufen
Für uns als Investoren ist entscheidend: Arnault ist kein angestellter Manager, sondern Eigentümer. Über eine Holding (Financière Agache) kontrolliert die Familie 50,01% des Kapitals und 65,94% der Stimmrechte. Bei der Präsentation der Jahreszahlen im Januar 2026 kündigte Arnault an, die Schwelle von 50% zu Jahresbeginn zu überschreiten – am 19. Februar 2026 war es so weit, finanziert durch Käufe über die Börse.
Bemerkenswert ist auch, was Arnault sich selbst zahlt: Seine Gesamtvergütung 2025 betrug EUR 7,86 Mio., die variable Komponente wurde auf eigenen Wunsch auf dem Vorjahresniveau gedeckelt – und ist seit 2023 unverändert. Für den Chef des grössten europäischen Konsumgüterkonzerns ist das moderat. Das eigentliche Alignment läuft über den Besitz: Die Familie erhält bei EUR 13 Dividende je Aktie rund EUR 3,2 Mrd. pro Jahr – sie verdient also genau dann, wenn alle Aktionäre verdienen.
Die Nachfolge – und eine Antwort mit Humor
Arnault ist 77. Die Altersgrenze für den CEO wurde auf 85 Jahre angehoben, alle fünf Kinder arbeiten im Konzern: Delphine Arnault führt Christian Dior Couture, Antoine sitzt seit Februar 2026 im Executive Committee, vier der fünf Kinder gehören dem Verwaltungsrat an. Über die Familienholding (Financière Agache) sind die Anteile der Kinder für 30 Jahre (ab 2022) gebündelt – ein Schutz gegen eine Zersplitterung des Erbes.
Wie Arnault mit Spekulationen umgeht, zeigte der Juli 2026: Le Monde veröffentlichte eine sechsteilige Serie über sein Imperium, inklusive angeblicher Rivalitäten unter den Kindern. Arnault antwortete mit einem dreiseitigen offenen Brief unter dem Titel „Merci“ – seinem ersten Beitrag überhaupt auf der Plattform „X“. In der realen Welt, schrieb er, führten seine Kinder Marken, bauten Teams auf, träfen Entscheidungen und – Sakrileg der Sakrilege – telefonierten sonntags miteinander. Zum Schluss versicherte er, er werde weiterhin die Kreuzworträtsel von Le Monde lösen, die im Gegensatz zum Rest wirklich exzellent seien.
Was das für uns als Investor bedeutet: Wir sehen einen Unternehmer, der seit fast 40 Jahren beweist, dass er Marken nicht nur kaufen, sondern entwickeln kann - von Dior über Tiffany bis Loro Piana. Seine Familie stockt mit eigenem Geld auf, wenn der Markt zweifelt, und bezieht ihre Rendite über die Dividenden statt über Gehälter. Die Nachfolge ist die offene Frage - aber sie ist strukturell vorbereitet, und die nächste Generation führt bereits heute zentrale Marken.
Der Markt: Normalisierung nach dem Boom
Der weltweite Markt für persönliche Luxusgüter – Mode, Lederwaren, Schmuck, Uhren, Kosmetik – belief sich 2025 laut der jährlichen Studie von Bain & Company und Altagamma auf rund EUR 358 Mrd. (2024: EUR 364 Mrd.). Bereinigt um Währungseffekte war das eine Stagnation. Rechnet man Erlebnisse wie Luxushotels, Kreuzfahrten und Spitzengastronomie hinzu, gaben Konsumenten weltweit rund EUR 1,44 Billionen für Luxus aus.
Die Jahre 2021 bis 2023 waren ein Ausnahmezustand: Nachholeffekte nach der Pandemie, gefüllte Sparkonten und kräftige Preiserhöhungen trieben Umsätze und Margen auf Rekordniveau. Die Kehrseite: Die Zahl der Luxuskunden ist laut Bain von rund 400 Mio. (2022) auf etwa 340 Mio. (2025) gesunken. Vor allem die „aspirational“ Käufer der unteren Luxusklasse haben sich zurückgezogen – Bain spricht vom Ende der Ära immer neuer Preiserhöhungen. Die sehr vermögenden Kunden kaufen dagegen weiter.
Die langfristigen Treiber bleiben hingegen intakt:
Wachsender Wohlstand: Bain und weitere Beratungen halten ein Wachstum von 4–6% pro Jahr für realistisch; der Markt für persönliche Luxusgüter soll bis 2035 auf EUR 525–625 Mrd. wachsen.
Neue Regionen: Lateinamerika, Indien, Südostasien und Afrika sollen bis 2030 zusammen über 50 Mio. neue Luxuskonsumenten der oberen Mittelschicht hervorbringen.
Schmuck als Wachstumskategorie: 2025 wuchs Schmuck laut Bain um 4–6%, während Lederwaren und Schuhe um 5–7% nachgaben – ein Rückenwind für Tiffany und Bvlgari.
Konsolidierung: Grosse Konzerne gewinnen gegenüber kleinen Marken, weil Toplagen, Werbung und Talente immer teurer werden.
Zur Einordnung: Allein die Sparte Mode & Lederwaren von LVMH entspricht rund einem Zehntel des gesamten Marktes für persönliche Luxusgüter (eigene Rechnung).
Was das für uns als Investoren bedeutet: Der aktuelle Abschwung ist für uns eine Normalisierung nach einem Sonderboom, kein Strukturbruch. Der Markt liegt nach wie vor über dem Niveau von 2022, und die langfristigen Treiber - wachsender Wohlstand und neue Kundengruppen - wirken weiter. In einer Konsolidierungsphase gewinnt der Grösste: Wer Toplagen, Werbebudgets und Kreativtalente bezahlen kann, baut seinen Vorsprung gerade dann aus, wenn kleinere Marken sparen müssen.
Wettbewerb: Breite schlägt Einzelmarke
Die wichtigsten Wettbewerber sind Hermès, Chanel (in Privatbesitz), Richemont und Kering, in Teilbereichen zudem Prada, L’Oréal und Estée Lauder bei Kosmetik sowie Diageo und Pernod Ricard bei Spirituosen. Der Vergleich zeigt die Spannweite der Branche:


Abbildung 5: Basis der Bewertungsszenarien: Marktkapitalisierung rund EUR 195 Mrd. (Kurs ca. EUR 390, Stand 30.09.2026; 497,7 Mio. Aktien); Basisumsatz 2025: EUR 80,8 Mrd.; Wachstumshorizont 5 Jahre (2025–2030); eigene Schätzungen OHP
Hermès ist das margenstärkste Luxushaus der Welt – aber eben ein Haus mit einer einzigen Marke. Kering zeigt, was passiert, wenn eine einzige Marke schwächelt: Gucci stand zuletzt für rund 40% des Konzernumsatzes und brach im ersten Halbjahr 2025 um 25% ein, die Konzernmarge halbierte sich. LVMH ist dagegen der einzige Konzern, der alle fünf grossen Luxussegmente abdeckt.
Was LVMH besser macht als die Konkurrenz:
Skaleneffekte, die Kunden nicht sehen: Mit rund 6.200 Geschäften ist LVMH für Vermieter von Toplagen, Medienhäuser und Einkaufszentren der wichtigste Partner der Branche – das bringt die besten Flächen zu besseren Konditionen.
Talentmagnet: Kein anderer Konzern kann Kreativdirektoren, Handwerkern und Managern so viele Karrierewege über so viele Marken bieten.
Kapitalkraft für Zukäufe: Tiffany, Loro Piana und Dior Couture wurden nicht nur gekauft, sondern unter LVMH-Führung weiterentwickelt.
Dezentrale Kreativität, zentrale Disziplin: Die Marken führen sich selbst, der Konzern kontrolliert Kapital und Kosten.
Selbst im Abschwung 2025, als das Ergebnis von Mode & Lederwaren um über EUR 2 Mrd. auf EUR 13,2 Mrd. sank, blieb die Konzernmarge bei 22% – ein Niveau, von dem die meisten Konsumgüterkonzerne auch in guten Jahren nur träumen.
Was das für uns als Investoren bedeutet: Der Burggraben von LVMH besteht aus Marken mit teils über 150 Jahren Geschichte, aus Toplagen in den teuersten Einkaufsstrassen der Welt und aus einer Grösse, die bei Vermietern, Medien und Talenten Verhandlungsmacht verleiht. Das lässt sich weder über Nacht noch mit Milliarden nachbauen. Die Diversifikation über fünf Sparten schützt vor dem Klumpenrisiko, das Kering gerade durchlebt.
Die finanzielle Performance
Die Zehnjahresbilanz ist eindrücklich: Der Umsatz hat sich von EUR 37,6 Mrd. (2016) auf EUR 80,8 Mrd. (2025) mehr als verdoppelt, der Gewinn je Aktie stieg von EUR 7,11 (2015) auf EUR 21,85 (2025) – eine Verdreifachung. Die Dividende wuchs im selben Zeitraum von EUR 3,55 auf EUR 13,00.


Abbildung 4: Umsatz, operatives Ergebnis (EBIT) und Konzerngewinn in EUR Mio., Dividende je Aktie in EUR; Quelle: LVMH Geschäftsberichte 2016–2025. * Für 2019 war eine Dividende von EUR 6,80 vorgeschlagen; sie wurde zu Beginn der Pandemie auf EUR 4,8
Drei Punkte stechen für uns heraus. Erstens: kein Verlustjahr – auch nicht 2020, als der Umsatz pandemiebedingt um 17% einbrach. Die operative Marge fiel selbst im schlimmsten Jahr nicht unter 18,6%. Zweitens: Die Marge liegt heute mit 22% strukturell über dem Niveau vor dem Boom (2016: 18,7%). Drittens: Die Cash-Generierung. 2025 erwirtschaftete LVMH rund EUR 14 Mrd. freien operativen Cashflow. Damit wurden rund EUR 6,5 Mrd. Dividenden gezahlt, eigene Aktien für netto rund EUR 1,6 Mrd. zurückgekauft und Schulden abgebaut.
Die Bilanz ist entsprechend solide: Die Nettoverschuldung von EUR 6,9 Mrd. entspricht nur 9,9% des Eigenkapitals, dazu kommen ungenutzte Kreditlinien von EUR 10,8 Mrd. Die Rendite auf das eingesetzte Kapital lag über die letzten zehn Jahre konstant zwischen rund 19% und 23% (eigene Rechnung).
Der Rückgang seit 2023 erklärt sich vor allem durch die Kostenstruktur: Geschäfte, Werbung und Personal laufen weiter, auch wenn der Umsatz sinkt. Die Vertriebskosten machen 37% des Umsatzes aus. Dieser negative Hebel wirkt in beide Richtungen – kehrt das Wachstum zurück, steigen die Margen überproportional.
Und genau hier zeigt das Jahr 2026 erste Signale: Im ersten Halbjahr erzielte LVMH einen Umsatz von EUR 38,6 Mrd. bei organisch +2%, im zweiten Quartal beschleunigte sich das Wachstum auf +3% (ohne den Nahost-Konflikt +4%). Die operative Marge stieg auf 22,5%, der Gewinn blieb mit EUR 5,7 Mrd. stabil. Auch die zuletzt schwache Sparte Wein & Spirituosen wuchs organisch um 5%, ihr operatives Ergebnis um 11%.
„LVMH hat seine Solidität und die Wirksamkeit seiner Strategie bewiesen. Die Beschleunigung im zweiten Quartal ist insbesondere dem Erfolg der ersten Entwürfe von Jonathan Anderson für Christian Dior, der bemerkenswerten Entwicklung der neuen Louis-Vuitton-Geschäfte in Peking und Seoul sowie den ikonischen Linien von Tiffany und Bvlgari zu verdanken.“
- Bernard Arnault, Halbjahresmitteilung LVMH, 27. Juli 2026 (sinngemäss übersetzt)
Was das für uns als Investoren bedeutet: Die Zahlen zeigen einen Konzern, der auch im Abschwung hochprofitabel bleibt und mehr Cash erwirtschaftet, als er an Gewinn ausweist. Die solide Bilanz erlaubt es, gleichzeitig Dividenden zu zahlen, Aktien zurückzukaufen und Schulden zu tilgen - ohne auf Investitionen in Geschäfte und Marken zu verzichten. Die Rückkehr zu organischem Wachstum im ersten Halbjahr 2026 ist ein erstes Signal, dass die Talsohle erreicht sein könnte; bestätigt ist sie noch nicht.
Die Risiken
Bei aller Stärke gehört der kritische Blick dazu. Folgende Risiken sehen wir:
Preisermüdung: Nach den kräftigen Preiserhöhungen 2021–2023 haben sich Einstiegskunden zurückgezogen. Die Bruttomarge sank von 68,8% (2023) auf 66,2% (2025). Wie weit die Preissetzungsmacht von Louis Vuitton und Dior künftig reicht, ist eine der Kernfragen.
Konzentration auf Mode & Lederwaren: Die Sparte liefert 74% des operativen Ergebnisses. Verlieren Louis Vuitton oder Dior an Begehrlichkeit, trifft das den Konzern direkt. Die kleineren Sparten konnten das 2025 nicht auffangen: Die Marge von Wein & Spirituosen fiel seit 2015 von 29,6% auf 19,0%, bei DFS kam es zu Wertminderungen.
China, Zölle, Nahost und Euro: Die Nachfrage chinesischer Kunden bleibt schwach, Zölle belasten US-Geschäft und Cognac-Exporte, der Nahost-Konflikt kostete im zweiten Quartal 2026 rund einen Prozentpunkt Wachstum. Der starke Euro belastete das operative Ergebnis 2025 mit EUR 1,1 Mrd. Im September 2026 senkten mehrere Analysehäuser – darunter Bernstein, RBC und Jefferies – ihre Erwartungen; die Aktie verlor seit Jahresbeginn rund ein Drittel.
Nachfolge und Governance: Arnault ist 77 und vereint die Ämter von Präsident und CEO; ein Nachfolger ist nicht benannt. Die Familie kontrolliert zwei Drittel der Stimmrechte über eine Holdingpyramide – Minderheitsaktionäre haben entsprechend wenig Einfluss. Die Anhebung der Altersgrenze auf 85 Jahre stiess bei einzelnen institutionellen Investoren auf Kritik.
Reputation und Recht: In Italien standen Zulieferer von Dior (2024/25) und Loro Piana (2025) wegen Ausbeutung von Arbeitskräften unter gerichtlicher Aufsicht. Hinzu kommen die Klage des Hermès-Erben Nicolas Puech sowie die Verurteilung des früheren LVMH-Beraters Bernard Squarcini (2025; Arnault selbst war nicht angeklagt).
Diese Risiken sind real, aber für einen Konzern mit dieser Markenstärke, Bilanz und Eigentümerstruktur beherrschbar. Sie fliessen in unsere bewusst konservativen Bewertungsannahmen ein.
Bewertungsszenarien 2030 - eigene Schätzungen
Unsere Annahmen sind – wie immer – bewusst konservativ gehalten. Die Gründe:
Wachstum: Szenario 1 unterstellt 4,0% Umsatzwachstum pro Jahr – das untere Ende der von Bain erwarteten Marktentwicklung von 4–6%. LVMH müsste dafür keine Marktanteile gewinnen. Szenario 2 rechnet mit 7% pro Jahr, also etwas schneller als der Markt, aber klar unter dem eigenen Wachstum von rund 8,5% pro Jahr zwischen 2015 und 2025 (inklusive Zukäufen).
Marge: Die Nettomarge lag 2023 bei 17,6%, 2024 bei 14,8% und 2025 bei 13,5%. Szenario 1 setzt mit 13,0% noch unter dem aktuellen Tiefpunkt an – das entspricht dem Niveau von 2018/2019, als die operative Marge mit 21,4% ähnlich hoch lag wie heute. Szenario 2 unterstellt 15,0% und damit lediglich eine teilweise Erholung, deutlich unter den Werten der Jahre 2021–2023.
Bewertung: Das Exit-Multiple von 19x in Szenario 1 liegt nahe am heutigen KGV von rund 18x; die 22x in Szenario 2 liegen unter dem Durchschnitt zwischen 2016–2025 von rund 24x. Die aktuelle Dividendenrendite von rund 3,3% setzen wir vorsichtig mit 3,0% an.


Abbildung 6: Langfristiger Aktienkurs der LVMH SE; gefunden auf www.tickr.com
Was das für uns als Investoren bedeutet: Schon im vorsichtigen Szenario - Marktwachstum am unteren Ende, keine Margenerholung, ein Multiple nahe dem heutigen Tief - ergibt sich eine deutlich positive Rendite. Der eigentliche Werthebel liegt in der Rückkehr zu organischem Wachstum bei Mode & Lederwaren: Weil ein grosser Teil der Kosten fix ist, würde jede Erholung überproportional auf den Gewinn durchschlagen. Die Familie Arnault hat 2025 im Schnitt zu EUR 550 gekauft - wir können heute deutlich günstiger einsteigen als der bestinformierte Aktionär des Konzerns.
Fazit
LVMH ist der seltene Fall eines Weltmarktführers, dessen Aktie gerade dann günstig zu haben ist, wenn das Geschäftsmodell seine Widerstandskraft beweist. Ein Markenportfolio mit teils fast drei Jahrhunderten Geschichte, eine operative Marge von 22% im Abschwung, über EUR 14 Mrd. freier Cashflow und eine Bilanz, die jeden Sturm übersteht.
An der Spitze steht ein Unternehmer, der vor über 40 Jahren aus der Konkursmasse eines Textilkonzerns die Keimzelle für den grössten Luxuskonzern der Welt herauslöste und seither beweist, dass er Marken nicht nur kaufen, sondern entwickeln kann. Seine Familie hat ihren Anteil in der Schwächephase auf über 50% ausgebaut und damit ein unmissverständliches Signal gesetzt. Die offenen Fragen – Nachfolge, China, Preisermüdung – sind real. Doch der aktuelle Kurs enthält bereits eine grosse Portion davon. Ein Geschäftsmodell dieser Qualität zu einem KGV von rund 18x erscheint uns als attraktiver Einstiegspunkt für ein langfristig orientiertes Investment.
Abbildung 2: Die wichtigsten Meilensteine des LVMH Konzerns
Ott, Hagen & Partner AG
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