Nachfolge ist kein Ja. Nachfolge ist ein Gespräch.

Der Artikel beleuchtet, warum eine gelungene Nachfolge im Familienunternehmen mehr braucht als die Entscheidung zur Übernahme. Anhand persönlicher Erfahrungen zeigt Nicole Ott, wie offene Gespräche über Erwartungen, Werte und die eigene Motivation die Grundlage für einen erfolgreichen Generationenwechsel schaffen.

INSIGHT

Nicole Ott

9/16/20262 min lesen

Über Nachfolge in Familienunternehmen wird meistens so gesprochen, als stünde die Antwort längst fest. Die nächste Generation übernimmt, weil sie übernimmt. Aus Loyalität, aus Dankbarkeit, manchmal aus der leisen Sorge, sonst etwas zu beschädigen, das über Jahrzehnte gewachsen ist.

Ich kenne dieses Muster gut. Und ich habe mich bewusst dagegen entschieden, ihm einfach zu folgen.

Als für mich klar wurde, dass ich zurück nach Vaduz möchte, fiel das mit den ersten Gedanken meines Vaters an einen Rückzug zusammen. Die Firma, die er 2008 mitgegründet hat, lag greifbar nah.

Der einfachste Weg wäre gewesen, Ja zu sagen. Er hätte sich gefreut, und ich hätte einen guten Grund gehabt. Genau deshalb habe ich zuerst innegehalten.

Bevor ich diese Entscheidung getroffen habe, habe ich mir Unterstützung von aussen geholt und ein Coaching gemacht. Nicht, weil ich zweifelte, ob ich der Aufgabe gewachsen bin, sondern weil ich eine Frage ehrlich beantworten wollte: Will ich diese Rolle wirklich für mich? Oder will ich sie vor allem, weil ich weiss, wie sehr mein Vater sich darüber freuen würde?

Das Coaching hat genau das sichtbar gemacht. Dass mein Antrieb von innen kommt. Dass ich keine Erwartung erfülle, sondern eine Entscheidung treffe, die von Anfang an meine eigene war.

Mit dieser Klarheit bin ich in die Rolle gegangen.

Nach diesem ersten Schritt war die Richtung klar, aber ich wollte es genauer wissen. Ich habe eine Reihe von Fragen aufgeschrieben, an denen ich prüfen konnte, ob mein Vater und ich für die Zukunft der Firma wirklich am selben Punkt stehen. Als wir uns zusammensetzten, hatte er zu meiner Überraschung selbst eine Liste dabei. In den Dingen, die zählen, waren wir uns einig.

Was ich daraus mitgenommen habe, prägt heute, wie ich auf die Familien schaue, die wir begleiten. Nachfolge ist kein Moment, in dem eine Unterschrift den Stab weiterreicht. Sie ist ein Gespräch über Erwartungen, über Werte, über die Frage, wie Familie und Vermögen zueinanderstehen. Die Übergänge, die gelingen, sind fast immer die, in denen früh und ehrlich geredet wurde. Die schwierigen sind die, in denen alle davon ausgegangen sind, es ergebe sich schon von selbst.

Deshalb ist mir dieses Thema wichtig, und deshalb steht es am Anfang dieser Kolumne. In «Insight» schreibe ich über die Menschen und Familien hinter dem Vermögen, nicht über die Zahlen. Über den Teil, über den seltener gesprochen wird, obwohl er oft der entscheidende ist.

Ich hatte das Glück, meine Nachfolge selbst gestalten zu können. Mit einem Vater, der bereit war zuzuhören, und mit dem Mut, vorher ehrlich hinzuschauen. Nicht jede Familie hat diesen Rahmen. Aber jede Familie kann früher damit anfangen, sich die richtigen Fragen zu stellen.

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