Was bleibt, wenn die Maschine den Rest übernimmt

Der Artikel beleuchtet, wie künstliche Intelligenz die Rolle des Kundenberaters in der Vermögensverwaltung verändert. Anhand persönlicher Erfahrungen zeigt Nicole Ott, warum nicht die Technologie, sondern Vertrauen, Verständnis und menschliche Beziehungen künftig den entscheidenden Unterschied machen.

INSIGHT

Nicole Ott

10/12/20262 min lesen

Kaum ein Thema beschäftigt unsere Branche gerade so sehr wie künstliche Intelligenz. Gefühlt spricht im Moment jeder darüber. Ich habe mich dazu schon auf dem einen oder anderen Panel geäussert und immer wieder dazu gepostet, aber hier möchte ich meine Gedanken einmal in Ruhe zusammenziehen. Denn fast immer landet die Diskussion bei derselben Frage: Ersetzt die KI den Berater? Ich halte das für die falsche Frage. Und ich sage das als jemand, der dabei auf beiden Seiten des Tisches sitzt, als Kundenberaterin und als Teil der Generation, die gerade selbst zur Kundin wird.

Meine Überzeugung ist einfach. KI wird den Relationship Manager nicht ersetzen. Aber sie wird die Rolle verändern, und zwar gründlich. Immer mehr von dem, was heute im Hintergrund läuft, wird automatisiert. Das ist keine schlechte Nachricht. Denn ehrlich gesagt war dieser Teil nie der eigentliche Sinn des Berufs. Die spannende Frage ist nicht, was wegfällt, sondern was dadurch frei wird:

  • Mehr Zeit mit den Kunden

  • mehr Tiefe in den Gesprächen

  • mehr Raum, um wirklich zu verstehen, was jemand braucht, statt nur zu verwalten, was er hat.

Und genau hier liegt der Punkt, über den zu wenig gesprochen wird. Die Technologie wird allen zur Verfügung stehen. Dieselben Werkzeuge, dieselben Modelle, für jeden. Der Unterschied entsteht nicht mehr dort. Er entsteht in dem, was man mit der Zeit macht, die man zurückbekommt.

Damit rückt etwas wieder in den Vordergrund, das in unserer Branche in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung verloren hat. Zuhören, Vertrauen aufbauen, jemanden über Jahre begleiten, das hatte oft zu wenig Platz und galt als "netten Zusatz". Das Harte, Messbare stand im Vordergrund. Ich glaube, dieses Verhältnis kehrt sich gerade wieder um. Wenn das Analytische zur Selbstverständlichkeit wird, wird das Menschliche zum entscheidenden Unterschied. Die sogenannten Soft Skills werden zu Power Skills. Und etwas zugespitzt gesagt: Wer einen Mehrwert geboten hat, den ein Werkzeug übernehmen kann, hat vielleicht nie wirklich beraten, sondern nur verwaltet.

Die nächste Generation spürt das sehr genau. Sie will nach wie vor einen Menschen an ihrer Seite, aber einen anderen Typ als ihre Eltern. Keinen, der ein Portfolio betreut, sondern einen Sparringspartner, der sie durch verschiedene Lebensphasen begleitet. Viele aus dieser Generation wissen sehr bewusst, was sie mit ihrem Kapital erreichen wollen. Es geht ihnen um Wirkung, und sie suchen jemanden, der für diesen Weg da ist, nicht nur für die Rendite.

Deshalb sehe ich KI nicht als Bedrohung, sondern als Ergänzung. Aber das gilt nur für die, die bereit sind, ihre eigene Rolle verändern zu lassen. Wer flexibel bleibt und offen dafür ist, dass der Beruf in fünf Jahren ein anderer sein wird als heute, ist einen weiten Schritt voraus. Wer darauf wartet, dass alles bleibt, wie es war, wird von der Technologie nicht ersetzt, aber von denen überholt, die sie klüger nutzen.

Vielleicht ist das die eigentliche Verschiebung. Nicht Mensch gegen Maschine, sondern die Rückkehr zu dem, was Beratung immer sein sollte. Die Maschine übernimmt das Verwalten. Was uns bleibt, ist das Verstehen.

Das sind meine persönlichen Beobachtungen, gewachsen aus meinen eigenen Erfahrungen und Gesprächen. Selbstverständlich gibt es - wie in allen Themen - auch hier andere Meinungen oder Erfahrungen dazu.

Kontakt

+423 399 49 90

info@ohp.li

Im Mühleholz 3, 9490 Vaduz, Liechtenstein

Ott, Hagen & Partner AG

© Copyright Ott, Hagen & Partner AG 2026. Alle Rechte vorbehalten.